Dem Neuen zugetan

Auch die Freude am schönen Klang

Matthias Beckert, der Chef von Singakademie und Knabenchor, ist ein Mann, der zu begeistern versteht. Seit einem Dreivierteljahr leitet Matthias Beckert die Suhler Singakademie und den Knabenchor. Am 31. Mai gibt er mit Anton Rubinsteins selten aufgeführtem Oratorium "Das verlorene Paradies" seinen künstlerischen Einstand. Seit Monaten konzentriert sich die Probenarbeit der Singakademie auf dieses wieder zu entdeckende Werk. Ein Gespräch mit Matthias Beckert.

Was reizte Sie an einer Chorarbeit in Suhl?

Matthias Beckert: Es war das Umfeld - Singakademie, Knabenchor, Männerchor, Kammerchor. Und auch die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen. Eine solche Institution zu leiten ist eine große Herausforderung. Diese Chance habe ich gern ergriffen.

Ist das Ihre erste umfangreiche Aufgabe?

Matthias Beckert: Meine Erfahrung in der Chorleitung, in der Organisation eines Chores, der Durchführung der Proben und Vorbereitung der Konzerte ist in aller Bescheidenheit sehr groß. Ich habe die wichtigsten Oratorienwerke von der Renaissance bis zur Moderne vielen Menschen mit großem Erfolg näher gebracht.

Kannten Sie etwas von Suhl?

Matthias Beckert: Thüringen ist in der Musikwelt nicht nur durch das Rennsteiglied bekannt. Es hat viele Besonderheiten, die nirgendwo anzutreffen sind - dazu gehört die Stadt Suhl mit ihrer großen musikalischer Tradition. Mit dem Umzug nach Suhl darf ich diese intensiv kennenlernen und erleben.

Und nun sind Sie da. Wie empfinden Sie Ihr Hiersein?

Matthias Beckert: Die Freude und Begeisterung ist groß. Ich bin mitten in der Natur gelandet. In Suhl habe ich ein Gefühl von Freiheit und Kreativität. Hier spüre ich die Natur, wenn ich wandere. Und das machen wir oft mit Singakademie und Knabenchor.

Unter der Vielzahl der Bewerber hatte sich der Chor einmütig für Sie entschieden. Wie fühlt es sich an, so gewünscht zu sein?

Matthias Beckert: Das ist eine ideale Voraussetzung. Die Herzlichkeit, mit der ich aufgenommen wurde, möchte ich gern zurückgeben. Ich stecke meine ganze Kraft in die Proben und die Projekte. Die Unterstützung durch die Medien, die Kulturschaffenden und die Stadt ist enorm. Der Start war damit sehr erfolgreich, und wir haben gemeinsam weiter Großes vor!

Welche Prioritäten setzen Sie in diesem ersten gemeinsamen Jahr?

Matthias Beckert: Mit harter Arbeit zum Erfolg. Beim Knabenchor ist es mir sehr wichtig, dass die Kinder an dem, was sie machen, Freude haben. Belohnt wurden sie am Weihnachtskonzert mit kräftigem Applaus und stehenden Ovationen. Mein Prinzip ist, Menschen zu motivieren für beste Leistungen. Bei den Knaben funktioniert das ausgezeichnet. Sie spüren, dass man sie ernst nimmt und dass sie sich weiter entwickeln. Bei unseren gemeinsamen Unternehmungen wird auch mal Fußball gespielt, gewandert oder ein Eis gegessen. Es gehört zu einer guten Gemeinschaft einfach dazu. Das, was ich von den Knaben zurückbekomme, gibt mir sehr viel. Allein ein Dankeschön oder ein Händeschütteln nach der Probe - da spürt man, in einer guten Gemeinschaft aufgenommen zu sein.

Motivation nannten Sie als wichtigen Aspekt. Wie stellt sich die her?

Matthias Beckert: Motivation soll aus dem Inneren kommen. Man muss es selbst wollen, und dafür sind Erfolgsmomente wichtig. Im Team bemühen wir uns, den Sängern in jeder Probe ein gutes Gefühl zu geben. Wenn ein Stück gesungen ist, frage ich häufig: Wer möchte vorsingen? Da meldet sich eigentlich der ganze Knabenchor. Jeder, der vor die Gruppe tritt, bekommt fürs Vorsingen dann einen Applaus. Allein, vor allen anderen zu singen, bringt die Knaben auch weiter, denn da bringen sie ihr Können zur Entfaltung. So entstehe eine Eigendynamik, die sich aus den Knaben heraus entwickelt und sie motiviert, mehr zu wollen. Applaus ist die Belohnung.

Muss man Erwachsene anders motivieren?

Matthias Beckert: Die Singakademie - genau so wie jeder Mensch - braucht Ziele. Die Arbeit geht von Konzert zu Konzert. Das nächste große Ziel ist gesetzt in einem außergewöhnlichen Projekt, dem "Verlorenen Paradies" von Anton Rubinstein. Das gewaltige Werk, welches vor 150 Jahren in Weimar uraufgeführt wurde, erklingt nun erstmalig wieder in Thüringen.

Beide Chöre haben eine Tradition in Suhl. Worauf können Sie aufbauen?

Matthias Beckert: Die Basis ist in beiden Chören sehr gut. Die breite Unterstützung aus der Bevölkerung und die positive Resonanz der Medien und Presse, insbesondere die ständige Unterstützung von den Verantwortlichen für die Kultur in der Stadt, lassen uns die Zukunft erfolgreich gestalten. Dafür herzliches Dankeschön.

Wohin soll unter Ihrer Leitung die künstlerische Reise gehen?

Matthias Beckert: Wir setzen uns Ziele von Projekt zu Projekt. Ein großes Ziel beider Chöre ist es, Suhl deutschlandweit zu präsentieren.

Das ist eine große Herausforderung. Die Bedingungen damals, zu DDR-Zeiten, waren anders.

Matthias Beckert: Ja, das ist eine große Herausforderung. Aber die Musik ist ein hohes Gut zu jeder Zeit.

Im Moment ist uns wichtig, den Eltern zu zeigen, welch gutes Angebot wir den Kindern machen. Das betrifft sowohl die musikalische Ausbildung, aber auch die Förderung des Bewusstseins für soziale Strukturen - die Erfahrung, wie ich mich gut in einer Gemeinschaft verhalte. Mein großer Vorteil ist, dass ich ein sehr gutes Team um mich weiß. Mit Christoph Hiller, der parallel zu mir probt, mit Herrn Meyer, der den Nachwuchschor leitet, und mit der Stimmbildnerin Madleine Hiller stehen hervorragende und engagierte Persönlichkeiten an meiner Seite.

Wie wollen Sie das Problem des Nachwuchses in den Griff bekommen?

Matthias Beckert: Es ist überraschend, dass Sie das fragen. Im Moment haben wir einen unglaublichen Knaben-Ansturm. In diesem Jahr sind fünfzehn neue Sänger zum Knabenchor gekommen. Ich bin dankbar und froh, dass viele Sänger die Chance ergreifen, ihr Talent mit einer schönen Stimme zu entfalten.

Welcher Wege bedarf es bei den Erwachsenen?

Matthias Beckert: Hohe Qualität zieht an. Das war auch der Grund, dass wir fünf neue sehr gute Sängerinnen und Sänger gewonnen haben. Mit dem Konzert "Das verlorene Paradies" von Anton Rubinstein am 31. Mai macht sich ein großes Interesse breit. Zu diesem einmaligen Konzert lade ich alle Musikfreunde herzlich ein.

Worin unterscheidet sich Ihre Arbeit von der Ihrer Vorgänger?

Matthias Beckert: Wie die Vorgänger bin ich bestrebt, die beste Leistung zu bringen. Ich selbst bin sehr emotional, auch in der Probe, und nehme die Menschen mit: mit meiner ganzen Kraft und Engagement sie für die Musik zu begeistern, ihnen die Schönheit zu zeigen und Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Freude man empfinden kann, wenn man schön zusammen singt und der Klang rein ist.

Wirkt sich das stimulierend auf die Leistung aus?

Matthias Beckert: Ja. Man muss wissen, wieviel erreichbar ist und versuchen, den Chor dorthin zu führen und ihm auch dieses Gefühl vermitteln. Wir haben beispielsweise in der Singakademie an der Homogenität gearbeitet, am strahlenden obertonreichen Chorklang. Das wird jetzt schon komplett umgesetzt. Jedes Mal bei der Probe freue ich mich über die Fortschritte.

Hat der Chor nach 35 Jahren nicht doch ein recht festgefahrenes Klangbild?

Matthias Beckert: Hören Sie sich "Das verlorene Paradies" an. Sie werden überrascht sein. An Klangbildern kann man stets etwas verändern. Es ist immer die Frage, was man will - soll es klingen wie Gardiners Monteverdi Choir? Man muss Schritt für Schritt gehen. Ein großer Schritt war für mich die Homogenität. Auch die Vokalfarbe, der Glanz der Stimme.

Steht der Titel "Das verlorene Paradies" auch ein bisschen für Symbolik?

Matthias Beckert: Bei jedem Konzert überlege ich sehr genau, mit welchem Werk man das Publikum begeistert. Die Singakademie ist spezialisiert auf Stücke der Romantik. Somit war klar, dass ich etwas aus dieser Zeit einstudieren werde. Es sollte etwas Besonderes und Außergewöhnliches sein. Auch war mir der regionale Bezug sehr wichtig. Dass ich eine Besonderheit mit Rubinstein gefunden habe und dieses Werk nach 150 Jahren wieder aufgeführt wird, ist schon eine zusätzliche Motivation.

Wo fanden Sie das "Paradies"?

Matthias Beckert: Ich will Neues kennenlernen. Es gibt noch so viel unglaublich gute Musik, die es zu entdecken gibt. Im Falle des "Verlorenen Paradieses" ist es doch faszinierend, zu erleben, wie der gleiche Text von Haydns Schöpfung von einem Komponisten nach Haydn vertont wurde. Ich habe bei einem Verlag angerufen und nach den Noten gefragt. Von dort schickte man mir eine handschriftliche Partitur in alten Schlüsseln. Daraufhin habe ich sie mir durchgespielt. Was ich hörte war unglaublich intensive, gute Musik, im Stil von Mendelssohn-Bartholdy und klanglich sogar noch darüber hinaus. Wenn im Orchestervorspiel das "Chaos bei der Erschaffung der Welt" geschildert wird oder in der Schlussszene Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben werden, dann ist das so intensiv - das muss man einfach gehört haben!

Wissen Sie von Aufführungen in jüngerer Zeit?

Matthias Beckert: Das Stück erklang seit seinem Vergessen weltweit nur sechsmal. Der Verband deutscher Konzertchöre listet eine Aufführung in Berlin und in Oberpleis, sonst sind keine weiteren Aufführungen in Deutschland bekannt. Wiederaufgeführt wurde es auch in St. Petersburg, wo Rubinstein ein Konservatorium gründete. Ich habe versucht, mit allen Chören, die das Oratorium sangen, Kontakte zu knüpfen, um deren Erfahrungen zu hören. Es war zudem sehr interessant sich in der Vorbereitung des Projektes mit Anton Rubinstein zu beschäftigen.

Im Solisten-Ensemble stehen Namen, die den Suhlern noch unbekannt sind.

Matthias Beckert: Für große Werke werden erstklassige Solisten eingesetzt. Darüber hinaus ist mir ein guter persönlicher Kontakt zu den Sängern wichtig, weil sie, wenn sie den Dirigenten mögen, zu Höchstleistungen fähig sind. Mit allen habe ich schon mehrfach gearbeitet. Sie sind an großen Opernhäusern tätig, in Erfurt, Weimar, Stuttgart, und sie sind in meinem Alter, knapp über dreißig.

Sie sprachen vom Reiz des Neuen. Wird das hiesige Publikum noch mehr davon mit Ihnen erleben?

Matthias Beckert: Das Suhler Publikum wird erstklassige Konzerte erleben, und auch Stücke hören, die erstmalig in der Stadt aufgeführt werden. In der Konzertplanung der Singakademie befindet sich so u.a. Brittens "War Requiem".

Suhl hat mit Singakademie und Kantorei zwei Chöre, die sich nicht immer in Liebe zugetan sind. Werden Sie dieses Spannungsfeld aufbrechen?

Matthias Beckert: Als ich voriges Jahr nach Suhl kam, war ich sehr dankbar über die freundliche Aufnahme. Ich habe mit allen Kulturverantwortlichen gesprochen. Mir ist es sehr wichtig, zusammenzuarbeiten, um gemeinsam für die Stadt Kultur zu schaffen.

Wie erleben Sie als Würzburger das kulturelle Leben von Suhl?

Matthias Beckert: Vielleicht ist es vielen nicht bekannt, aber seit September wohne ich in Suhl. Die Stadt hat eine große musikalische Tradition. Ich bin dankbar dafür, ein Teil dieser Stadt sein zu dürfen. Mich bewegt es stark, das kulturelle Leben und diese Tradition mitzugestalten. Ich werde diese Tradition kontinuierlich entfalten und meinen Betrag für Suhl leisten.

Interview: Lilian Klement, Frau Lilian Klement, Chefredakteurin Kultur, Freies Wort vom 24.05.2008