Ein Hallo, das viel verspricht
Chor überzeugt, Solisten glänzen: Der gelungene Einstand eines Neuen in Suhl
Sicherlich hätten einige Zuhörer am Ende gerne mit den Füßen auf den Boden getrappelt. Doch das hatte sich Matthias Beckert. Putz rieselte nicht von den Wänden und es stürzte auch nichts zu Boden. Doch hätte die Möglichkeit bestanden, Dinge dieser Art auszulösen, allein durch die Musik. Denn das lange vergessene Oratorium, das nach seiner Uraufführung in Weimar vor 150 Jahren erstmals wieder in Thüringen erklang, ist ein gewaltiges, ein einnehmendes und zupackendes Werk.
Genau diesen effektvollen Schatz hatte sich Beckert für seinen musikalischen Einstand in Suhl ausgesucht und ihn ohne jeden Kompromiss interpretiert. Mit der Suhler Singakademie und der Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl hatte er dafür einen Chor und ein Orchester zur Verfügung, denen genau dieses romantische Repertoire ganz besonders liegt. Und er hatte Solisten nach Suhl eingeladen, die dem ganzen Stück einen besonderen Glanz zu verleihen vermochten.
Der Geschichte vom Streit zwischen Satan und Gott, dessen Erschaffung der Welt und die Geschichte der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies hat Anton Rubinstein eine besonders wirkungsvolle Musik gegeben. Die raubt einem manchmal den Atem, so gewaltig walzt sie über die Köpfe der Zuhörer hinweg. Genau das konnte die Singakademie, ob nun als Chor der Empörten, der Himmlischen oder der Höllischen, sehr eindrucksvoll umsetzen und die Kraft des Stückes gebündelt und hervorragend konzentriert vortragen. Und das in einer für den Chor außerordentlich guten Textverständlichkeit noch dazu.
Dort, wo der Chor gefordert war, schimmerte auch ganz hervorragend das neue Klangbild, das Beckert mit den knapp 60 Sängerinnen und Sängern wochenlang einstudiert hatte. Ein kraftvolles Ganzes hat der Dirigent aus dem Chor geformt, das als Einheit zu überzeugen vermag. Die Suhler Singakademie ist mit Rubinsteins "Das verlorene Paradies" zu Hochform aufgelaufen. Auch bei den Instrumentalisten waren die zarten Klänge nicht immer wie aus einem Guss. Der Choral der Blechbläser im dritten Teil klapperte ungemein, sodass man Gott nicht wünschen wollte, auf dem Posaunenton hinabzufahren, wie es im Text heißt.
Die sechs Solisten hingegen waren eine Wonne. Besonders Robert Morvai (Tenor) sang eine großartige "Stimme Gottes". Immer wenn eine Steigerung nicht mehr möglich schien, hatte er noch Reserven. Dem hatte Philipp Meierhöfer (Bass) als Satan viel entgegenzusetzen. Stimmlich brauchte sich der Mann aus der Hölle vor Gott nicht zu verstecken.
Als Engel bezauberte Alexandra Steiner (Sopran), die mit Lydia Zborschil (Sopran) und Barbara Bräckelmann (Alt) im Erzengel-Terzett überzeugten.
Besser als mit seiner Interpretation von Anton Rubinsteins "Das verlorene Paradies" hätte Dirigent Matthias Beckert sich in Suhl nicht vorstellen können. Der Neue hat von sich reden gemacht. Und das sicherlich nicht nur dieses erste und eine Mal.
Zeitung: Freies Wort vom 03.11.2008
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