Singakademie beeindruckte mit zwei bislang in Suhl noch nie gehörten Werken: Wolfs "Feuerreiter" und Tippetts "A child of our time". Respekt vor der Auswahl

Premiere

Suhl - Seit der agile Würzburger Dirigent Matthias Beckert vor zwei Jahren die Leitung der Singakademie übernahm, ist dieser Chor immer wieder für Überraschungen gut. Gerade auch was die Werkauswahl betrifft. War es im vorigen Jahr Anton Rubinsteins "Das Verloren Paradies", im Frühjahr Edward Elgars Oratorium "The Dream of Gerontius", war es nun die Aufführung von Michael Tippetts Oratorium "A child of our time", dazu als Entree Hugo Wolfs "Feuerreiter". Dabei bezog Beckert erstmals den noch unerfahrenen neuen Jugendchor New Voices in dieses schwierige Projekt mit ein.

Zum Hören und zum Sehen

All diese Werke waren zuvor nie in Suhl zu hören. Sie gehören auch nicht zum Standardrepertoire von Laienchören. Tippetts Werk ist hierzulande überhaupt wenig bekannt, obwohl es für den britischen Komponisten das erfolgreichste überhaupt wurde und ihm Ruhm bescherte. Es gibt bislang nicht einmal eine CD-Einspielung, an der man sich bei der Erarbeitung orientieren könnte.

So betraten alle gemeinsam Neuland: Chor, Solisten, die Thüringen-Philharmonie Go­tha und natürlich das Publi­kum. Hören - und überraschen lassen, lautete die erste Pflicht.

Als drittes Moment kam das Se­hen hinzu. Denn zeitgleich wa­ren auf einer transparenten Leinwand Bilder im Kirchen­schiff zu sehen. Beckert hatte diese ungewöhnliche Idee und in der Künstlerin Annette Wiedemann eine Partnerin gefun­den, die die Musik mit passen­den Motiven unterlegte - entnommen der Suhler Reihe, die sich mit der jüdischen Vergangenheit der Stadt beschäftigt.

Bereits beim "Feuerreiter" des Spätromantikers Hugo Wolf -mit dramatischer Leidenschaft gesungen - war die brennende Suhler Synagoge von 1938 zu sehen und gab eine Vorahnung auf Kommendes.

Denn Tippetts Oratorium bezieht sich auf das Erlebnis zweier Kriege des 20. Jahrhunderts und darauf, dass Menschen ihre Mitmenschlich­keit, ihre Toleranz, ihre Achtung nicht voreinander verlieren. Es ist, wenn man so will, ein musikalisches Plädoyer dafür, und diese Botschaft wird nicht verklausuliert, sondern sehr direkt vermittelt.

In seinen Strukturen ist es für den Chor ein sehr anspruchsvolles Werk, in der Rhythmik wie der Phrasierung, dazu die komplizierte Mehrsätzigkeit. Beckert hat viel und gründlich mit dem Chor gearbeitet, vor diesem Engagement muss man einfach den Hut ziehen. ...

Dass der Gesamteindruck ein positiver war, ist auch den fabelhaften vier jungen Solisten zu verdanken. Da hat Beckert richtig gute Sänger aufgeboten: Alexandra Steiner (Sopran), Barbara Bräckelmann (Alt), Robert Morvai (Tenor) und Philipp Meierhöfer (Bass)

Zeitung: Freies Wort vom 20.02.2009, Autorin: Frau Lilian Klement, Chefredakteurin