Purismus als Klangkonzept zur Fastenzeit
Mit der „Johannespassion" des estnischen Komponisten Arvo Pärt akzentuierte die Suhler Singakademie bei ihrem jüngsten Auftritt am Samstag in der Suhler Hauptkirche die leisen Töne des Leidens Christi.
Wer in späteren Jahren einmal durch die Annalen der Stadt Suhl blättert, der dürfte Mitte April 2011 gleich über zwei musikalische Einträge stolpern. Und die könnten gegensätzlicher kaum sein.
Ein großzügiger Vermerk wird am 15. des Monats dem Jubiläum des Rennsteigliedes gelten, dessen Uraufführung im "Goldenen Hirsch" in Hirschbach sich just an jenem Aprilfreitag zum 60. Mal jährte.
Eine zweite, wohl deutlich kleinere Notiz wird den darauf folgenden Tag ergänzen: Erstmalige Suhler Aufführung von Arvo Pärts "Passio" durch die Suhler Singakademie in der Hauptkirche.
Nun lässt sich kaum eine sinnfällige Klammer zwischen diesen beiden Musikereignissen finden. Vielleicht so viel: In beiden Werken geht es um Substanzielles.
Es geht um das Selbstverständnis der Thüringer, ihre Leidenschaft für ihr Land und insbesondere für dessen Natur.
Und es geht um das Selbstverständnis der christlichen Theologie, das im Leidensweg Christi einen vielfach und vielfältig
in Worten wie Tönen interpretierten Fixpunkt findet.
Die Passion ausdeuten um sie dadurch erlebbar zu machen - das ist das hochgesteckte Anliegen all jener Komponisten,
die sich an der Vertonung des biblischen Passionstextes nach einem der vier Evangelisten versuchten.
Ein Anliegen, bei dem zumindest die Werke der jüngeren Musikgeschichte beinahe zwangsläufig den Vergleich mit den
großen Passionen Johann Sebastian Bachs eingehen.
Nüchternheit
So auch die „Johannespassion" des Esten Arvo Pärt aus dem Jahr 1982, die die Singakademie Suhl in das Zentrum ihres jüngsten Konzertes
rückte. Um es vorwegzunehmen: Pärt muss den Vergleich mit dem Unvergleichbaren nicht scheuen. Zumal er sich auf eine ältere
Tradition der Passionsvertonungen bezieht, die der kühnen Klanggewalt des Barockkomponist eine meditative Nüchternheit entgegensetzt.
Grundlage des Werkes ist nicht etwa die dramatische Darbietung des Evangelientextes, sondern die Ausdeutung seiner Laut- und Klangqualität.
Und zwar in Latein, mit sparsamen, keineswegs konzertanten Instrumenteneinsatz. Dieser puristische Charakter der Komposition schafft Distanz,
aber auch Konzentration.
Versunken in das strenge Tonkonzept Pärts lauschte denn auch das Publikum in der Suhler Hauptkirche der rund
einstündigen Darbietung, die das Zurückgenommene der Fastenzeit trefflich in Musik zu übersetzen versteht. Gerade einmal zwei
Akkorde braucht Pärt, um seiner Musik jenen archaischen, ausdrucksstarken Charakter zu verleihen: Den a-Moll-Klang als Basis für
die Passagen von Jesu, Pilates und dem Evangelist und den E-Dur-Dreiklang, auf dem die Chor-Einwürfe ruhen.
Neben der blinden Wut der Volksmenge und den Verleumdungen durch Petrus waren es gerade die von Pärt hinzugefügte
sechsstimmige Einleitung und das sich bis in die höchsten Höhen aufschwingende Schlussgebet, mit dem die Sängerinnen und
Sänger der Singakademie ihr Können bewiesen. Doch beinahe mehr noch als die Stimmen schien Chorleiter Matthias Beckert an diesem
späten Aprilnachmittag die Stille in den zahlreichen Atempausen der Erzählung des Evangelisten zu dirigieren. Erst einstimmig,
dann mit Solostimmen und Instrumenten bis zur Achtstimmigkeit aufsteigend und schließlich wieder abnehmend - viermal wiederholte sich dieses
Klangspiel im Verlauf der &qout;Passio&qout;.
Reduktion blieb allerdings nicht der einzige, wenn auch intensive Höreindruck dieser Aufführung. Für den
Gegenpol in der Darstellung des Leidensweges Jesu Christi sorgte die vorangestellte Choralkantate „O Haupt voll Blut und Wunden" von Max Reger,
gesungen von der Singakademie gemeinsam mit dem Suhler Knabenchor.
Ob nun ruhendes Entrücktsein oder emotionsbetontes Mitfiebern - beides könnte in zwei Wochen gefragt sein.
Dann erinnern die Chöre mit ihren Stimmen an die Entstehung von Herbert Roths Thüringen-Evergreen. Auch so eine Klang-Passion,
wenngleich weniger tragisch.
Zeitung: Freies Wort - Feuilleton vom 18.04.2011, Autorin: Frau Susann Winkel
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