Beckerts Schlussakord mit beeindruckendem Moses

Ihr 35. Gründungsjubiläum feierte die Suhler Singakademie mit dem Publikum und "Moses" von Max Bruch. Die Aufführung wurde zu einem Erlebnis in der Hauptkirche.

Willkommen und Abschied - das sind Geschehnisse, die im Leben oft dicht beieinander liegen. Es war genau in jener Hauptkirche Ende Mai vor drei Jahren, als Chordirektor Matthias Beckert seinen viel beachteten Einstand bei der Singakademie mit Artur Rubinsteins "Das verlorene Paradies" gab. Nun gab er in der Hauptkirche seinen Ausstand - mit Max Bruchs Oratorium "Moses". Betörende romantische Musiksprache bei dem einen wie bei dem anderen Komponisten. Das erreicht die Ohren und die Herzen der Zuhörer, wenn es mit der nötigen Verve, wie erlebt, geschieht. Eigenartigerweise geht es in beiden Werken um Verlorenes, um Neubesinnung, um Hoffnung, wenn man biblische Welten einmal so verkürzt beschreiben darf. Und um etwas, was gerade auch auf die Situation der Singakademie in gewissem Sinne zutrifft.

Dank ans Publikum

Damals, wie jetzt am Samstag, berührte die Aufführung die Zuhörer auf besondere Weise. Und das hat viel damit zu tun, was der energiegeladene Beckert aus diesem traditionsreichen sinfonischen Chor herauszuholen versteht. Und so schaut man nun mit einem lachenden und einem zugleich weinenden Auge darauf. Lachend, weil die Singakademie dank Beckerts Kraft sich aus einer gewissen künstlerischen Starre lösen konnte und neuen Schwung erhielt. Weinend, weil dieser Schwung mit Beckerts Weggang zum Jahresende ernsthaft ins Stocken geraten könnte. Wenn nicht ein neuer Dirigent kommt, der das Kunststück fertig bringt, zwei völlig verschiedenen Ensembles - Singakademie und Knabenchor - gerecht zu werden.

Der Künstler aus dem Unterfränkischen hat der Singakademie gut getan, und anders herum war es wohl ebenso. Als ein sichtlich verausgabter Beckert sich nach minutenlangen, stehenden Ovationen beim Publikum bedankt, gerät seine Stimme ein wenig ins Stocken: "Ich bin tief berührt. Es war ein leidenschaftliches, anspruchsvolles, intensives Arbeiten in Suhl. Wir haben hier seltene Stücke aufgeführt, danke, dass Sie als Publikum diesen Weg mitgegangen sind. Ich habe viele Freunde und Bekannte gewonnen, und bin gut aufgenommen worden", spricht's und bedenkt jeden Mitwirkenden mit einer Rose, nachdem ihm seine Sängerinnen und Sänger zuvor schon eine Blume zum Abschied überreicht hatten. Chorvorstand Jürgen Heinrich spricht aus, was viele Singakademie-Mitglieder denken seit sie wissen, dass Beckert nach vier Jahren wieder geht: "Diesen Weg auf den Höh'n wären wir gern mit dir weiter gegangen."

Heinrich bedankt sich auch bei der Stadt, die den Chor 35 Jahre unterstützt habe, er dankt dem treuen Publikum, dass an diesem Abend besonders zahlreich erschienen war - an die 360 Zuhörer - und er dankt insbesondere dem Hauptsponsor, der so generös unter die Arme gegriffen hatte - der Rhön Rennsteig Sparkasse.

Dieses und auch anderes unterstützendes Geld war gut angelegt. Denn das zweistündige Konzert wurde zu einem Erlebnis. Sicher hat die wunderbare, weltlich anmutende prächtige Komposition von Max Bruch (Moses-Uraufführung 1895) daran einen großen Anteil. Aber auch die Ausführung durch Chor, Orchester (Musiker der Thüringen-Philharmonie Gotha) und Solisten fügte sich im Ganzen zu einer ansprechenden Aufführungsqualität.

Wie stets hatte ein hoch konzentrierter Beckert für die Solistenparts exzellente Sänger verpflichtet, die mit souveräner Stimmkultur überzeugten. Christine Wolff (Sopran) sang den Engel von der Kanzel herab und gab diesem etwas wunderbar Berührendes, Himmlisches. Und wenn der Engel, gar nur begleitet von der Orgel (Kantor Philipp Christ) ertönte, fühlte man sich gelegentlich weit entrückt. Schlank und opernhaft tenoral gab Friedrich Auer den Part des Aaron. Philipp Meierhöfers tief grundierter warmer Bass verschaffte jene stimmliche Überzeugungskraft, die es braucht, um Moses' Größe Raum zu geben. Beide Sänger gehören zum Opernensemble des Deutschen Nationaltheaters Weimar.

Ensemble-Leistung

Für den Chor, die Stimme des Volkes der Israeliten, hält Bruchs Musik Herausforderungen bereit. Da ist die Dramatik, die Dynamik, die komplizierte Mehrstimmigkeit in den großen Sätzen wie beim Lobgesang im ersten Teil Am Sinai oder im zweiten Teil Das goldene Kalb, als das Volk gierig ruft "Gebt ihm Gold, gebt ihm Geschmeide ...!" Dieser fast apokalyptisch anmutende Part wird vom Chor mit einer erstaunlich verinnerlichten, derb taumelnden Bewegtheit gestaltet, beachtlich. Bis man im Land der Verheißung ankommt, erlebt man eine sinnlich beeindruckende musikalische Wanderung, die ahnen lässt, wie intensiv dafür geprobt wurde..

Zeitung: Freies Wort von Lilian Klement (15.11.2011)